Musik der Extreme#3: Wahnsinn & Wahrheit

Konzept

Im Jahr 1963 schrieb der französischer Philosoph Michel Foucault Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks (Naissance de la clinique. Une archéologie du regard médical). Anlässlich des 60. Jubiläums des Buches möchten wir die Begriffe Wahnsinn und Wahrheit als kreative Kraft reflektieren und ein Programm mit Werken aus den 16 und 17. Jahrhunderten im engen Dialog mit neuem Repertoire präsentieren.

Figuren von Wahnsinn und Wahrheit

Laut Foucault gilt es die strukturellen Mechanismen der Macht zu bestimmen, um aufzudecken, was in einer Kultur als „wahr“ angenommen wird, oder wer in einer Gesellschaft als gesund oder krank erkannt wird. Auch der Wahnsinn stellt innerhalb einer solchen Machtstruktur eine normative Einordnung von Krankheit dar, welche sich im Widerstand zu Gesetzen, oder Orthodoxie befindet.
In ähnlich subversiver Weise forderten in der Musik des 16. Jahrhunderts die enharmonischen Experimente von Nicola Vicentino und Emilio di Cavalieri, zusammen mit der extremen Chromatik von Orlando di Lasso, Carlo Gesualdo und später Claudio Monteverdi die offizielle ästhetische „Autorität“ heraus. Die Kirche und die offiziellen Musik-Institutionen, unterstützt von wichtigen Musikwissenschaftlern und Theoretikern, hatten in diesem Sine die Macht, um den ästhetischen Genuss der damaligen Gesellschaft stark zu beeinflussen. Nicola Vicentino musste sogar sein experimentelles und avantgardistisches Traktat „Die alte Musik angepasst an die moderne Praxis“ vor einer Jury verteidigen und verlor gegen den konservativen Musiker und Theoretiker V. Lusitano. Wie hätte sich die Musik Europas entwickelt, wenn seine mikro-intervallischen Experimente die Jury überzeugt hätten?
Im vorliegenden Projekt werden experimentelle und avantgardistische Werke des 16. und 17. Jahrhunderte mit neuen Stücken präsentiert, die spezifisch für dieses Projekt komponiert werden. Wir werden heutige Schaffende einladen, über die Begriffe Wahnsinn und Wahrheit als kreative Kraft zu reflektieren und musikalisch zu zeigen, welchen Raum sie heute haben können. Wir möchten mit der Frage als Ausgangsimpuls beginnen: Sind heutige Komponist*innen von den offiziellen Institutionen und von der sogenannten „Akademie“ beeinflusst und spielen sie eine „nützliche“ Rolle für die Gesellschaft, oder gibt es Raum für heterodoxe Ästhetiken, die sich nicht unbedingt anpassen möchten? Gibt es heutzutage überhaupt eine ästhetische Wahrheit in der Kulturszene, die die Komponist*innen unterbewusst begrenzt oder gibt es Raum für Irre und „kranke“ Menschen als Schaffende?
Foucaults These hat uns mit diesen provokativen und zugleich relevanten Fragen inspiriert und als Bürger und Künstler möchten wir die Gelegenheit des 60. Jubiläums seines Buches nutzen, um ihnen eine Resonanz zu geben.

Programm

Emilio de Cavalieri (1550-1602): aus Lamentatio Hieremiae Prophetae
Incipit Lamentatio
Aleph
Quomodo
Beth
Plorans, ploravit
Viae siont lugent

Adrian Mocanu (1989) [Gewinner Call for Scores, UA]: fuentes y ríos fuego arderán

Emilio de Cavalieri: aus Lamentatio Hieremiae Prophetae Incipit Lamentatio
Vau
Me minavit
Defecerunt
Zain

Manuel Sánchez García (1989): Body_just_makes

Francesco Gasparini (1661-1727): Missa canonica [Arr. Darío Tamayo]
Kyrie Eleison. Christe Eleison. Kyrie Eleison
Et in terra pax
Patrem omnipotentem
Et incarnation est

– PAUSE –

Maximilano Soto (1991): …la que nunca fui [Uraufführung]

Antonio Vivaldi (1678-1741): Sinfonia „Al Santo Sepolcro“

Juan Cabanilles (1644-1712): Tiento de Falsas, primer tono

Amarilis Dueñas Castán (1998): Lamento de Sunneva

Samuel Solís-Serrano (1989): ṛtá [Uraufführung]

Musiker

Blockflöte: Moisés Maroto
Barockgeige: Adrián Pineda
Gambe: Amarilis Dueñas
Orgel: Darío Tamayo

Künstlerischer Leiter: Alberto Arroyo

Konzept

In „Nice Noise!“ soll eine Gruppe von Jugendlichen gemeinsam mit den MusikerInnen von Continuum XXI spielen und improvisieren, neue Klangmöglichkeiten ausprobieren, und mit alltäglichen Objekten experimentieren. Diese Improvisationen werden von dem Komponisten, Cembalisten und Dozent Richard Röbel zusammen mit Tamara Miller und dem Ensemble mitkonzipiert und geleitet.

 

Die Improvisationen sollen nicht nur eine freie musikalische Form anbieten, sondern ein Konzept und konkretes Ziel haben: Das sorgfältige Hören des anderen und die Notwendigkeit, gemeinsam mit anderen etwas Übergeordnetes zu schaffen. Dies soll als Spiegel unserer Gesellschaft wirken, bei der Konflikt und Konfrontation uns immer mehr prägen. Können wir durch das aktive und kollektive Hören etwas relevantes schaffen, was der Alltag nicht anbieten kann?

Programm

Pretorius

“Terpsichore”

 

Richard Röbel

Neues Werk (Uraufführung)

 

G.F. Händel

Concerto Grosso HWV 33

 

Continuum XXI & Jugendliche

 Improvisation über einen einzigen Ton / Rhythmus

 

Nicola Matteis

„Ciaccona Bizarra“ 

 

Tamara Miller

Neues Werk (Uraufführung) 

 

Arroyo

 “Qué extraño pájaro” 

MusikerInnen

Blockflöte: Moisés Maroto 

Barockoboe: Petra Zambo

Barockgeige: Marta Ramírez

Gambe: Marina Cabello

Cembalo: Darío Tamayo 

Künstlerischer Leiter, Alberto Arroyo

Termine

Do. 24.9. | KuppelHalle Tharandt
Fr. 25.9. | Heinrich Schütz Konservatorium Dresden
Sa. 26.9. | MTKS Bannewitz
So. 27.9. | Robert Schumann Konservatorium Zwickau

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